Statintherapie ab 70: Ein zusätzliches Herzereignis je 40 Absetzer
Veröffentlicht am: 08.11.2026 um 06:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deFür ältere Menschen mit mehreren Vorerkrankungen stellt sich im Rahmen der medikamentösen Versorgung regelmäßig die Frage, ob eine lipidsenkende Dauertherapie dauerhaft fortgeführt werden muss.
Bei den Scientific Sessions der American Heart Association sowie im New England Journal of Medicine vorgestellte Ergebnisse der STREAM-Studie liefern nun differenzierte Daten zur Nichtunterlegenheit einer Beendigung der Statintherapie bei Erwachsenen ab 70 Jahren.
Ergebnisse der STREAM-Studie zur Nichtunterlegenheit
Die unter Leitung von Forschenden der University of California durchgeführte STREAM-Studie untersuchte 1.880 Teilnehmende im durchschnittlichen Alter von 77 Jahren (mittleres Alter 77,5 Jahre; 53 Prozent Männer, 47 Prozent Frauen).
Die Probanden wiesen mindestens zwei chronische Erkrankungen auf, hatten jedoch keine bekannte kardiovaskuläre Vorerkrankung. An 24 Zentren in der Schweiz, in Frankreich und den Niederlanden setzten 938 Personen die Statine ab, während 942 die Therapie fortführten; die Crossover-Rate lag bei rund 14 Prozent.
Nach zwei Jahren erwies sich das Absetzen in Bezug auf den primären Endpunkt als statistisch nicht unterlegen: Die mittlere ereignisfreie Überlebenszeit betrug 96,5 Wochen in der Absetzgruppe gegenüber 98,5 Wochen bei fortgeführter Einnahme. Die Differenz von 2,0 Wochen lag innerhalb der vorab definierten Akzeptanzgrenze von 5,2 Wochen.
Der LDL-Wert stieg in der Absetzgruppe nach 12 Monaten auf 176 mg/dL, verglichen mit 100 mg/dL bei Fortführung der Therapie. Unterschiede bei Lebensqualität, Muskelschmerzen, Stürzen oder Sarkopenie zeigten sich zwischen beiden Gruppen nicht.
Kardiovaskuläre Ereignisse und Risikoabwägung
Bei einer medianen Nachbeobachtungszeit von 103 Wochen wies die STREAM-Studie jedoch Unterschiede bei kardiovaskulären Vorfällen aus. Der kombinierte Endpunkt aus Herzinfarkt, ischämischem Schlaganfall und Tod trat bei 12,7 Prozent der Personen mit Absetzen auf, gegenüber 9,2 Prozent bei Fortführung der Medikation (Hazard Ratio 1,38).
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Insgesamt wurden 119 Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Todesfälle in der Absetzgruppe verzeichnet, verglichen mit 87 Ereignissen bei Fortführung. Die Todesfallrate lag bei 9,8 Prozent gegenüber 8 Prozent.
Rechnerisch trat damit über zwei Jahre pro 40 Personen mit Absetzen ein zusätzliches kardiovaskuläres Ereignis auf. Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse betrafen 43 Prozent der Absetzer und 39,8 Prozent der Vergleichsgruppe.
Studienleiterin Rita Redberg von der University of California erläuterte dazu, dass keine allgemeine Empfehlung zum Absetzen ausgesprochen werden könne, sondern eine gemeinsame Entscheidungsfindung nötig sei.
Für die meisten Personen dieser Altersgruppe ohne frühere kardiovaskuläre Ereignisse sei das Absetzen generell sicher, Betroffene sollten diesen Schritt jedoch keinesfalls ohne ärztliche Rücksprache vollziehen.
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Der an der Untersuchung nicht beteiligte Experte Naveed Sattar von der Universität Glasgow hielt fest, dass das absolute Zusatzrisiko zwar klein, aber real sei; Angehörigen würde er nicht allein auf Basis dieser Daten vom Absetzen abraten. Allein in Großbritannien nehmen über 8 Millionen Erwachsene Statine ein, darunter rund 2,5 Millionen Menschen im Alter von über 70 Jahren.
Beobachtungsdaten aus Großbritannien
Die Abwägung wird durch eine im Fachjournal The Lancet Healthy Longevity veröffentlichte Beobachtungsstudie von Forschenden aus Oxford ergänzt. Auf Basis von CPRD-Daten der Jahre 1998 bis 2021 wurden 65.727 Personen ab 65 Jahren, die Statine absetzten, mit 131.453 weiter behandelten Personen verglichen (mittleres Alter 75,9 Jahre, mittlere Nachbeobachtung 4,1 Jahre).
Die Auswertung, die keinen Kausalitätsnachweis liefert, zeigte ein um 22 Prozent höheres relatives Risiko einer Krankenhauseinweisung innerhalb eines Jahres (subdistribution Hazard Ratio 1,22; 37,6 zusätzliche Einweisungen pro 1.000 Personen).
Im fünften Jahr lag die sHR bei 1,11 (36,9 zusätzliche Einweisungen pro 1.000 Personen; Rohraten 199,7 gegenüber 160,2 pro 1.000 Personenjahre). Unerwünschte Ereignisse lagen bei 73,1 Prozent gegenüber 74,0 Prozent; auch hier bestanden keine Lebensqualitätsunterschiede.
Die Assoziationen variierten nach Gebrechlichkeitsstatus: Für robuste Personen lag die sHR bei 1,30 (30,2 zusätzliche Einweisungen), bei leichter Gebrechlichkeit bei 1,22 und bei mittlerer bei 1,16. Keine signifikanten Unterschiede zeigten sich bei schwerer Gebrechlichkeit (sHR 1,03) sowie bei Demenz (sHR 1,05).
Bei Personen in Pflegeheimen war das Absetzen mit einer sHR von 0,76 und 68,8 weniger Einweisungen verbunden. Die Daten verdeutlichen den Bedarf an individuellen Nutzen-Risiko-Bewertungen in der geriatrischen Praxis.
