Chronische, Schmerzen

Chronische Schmerzen: Bis zu 80 Prozent leiden zugleich unter Schlafstörungen

Veröffentlicht am: 02.11.2026 um 17:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Dauerstress kann Alterungsprozesse und Beschwerden fördern; Bewegung, Schlafhygiene und stabile Beziehungen gelten als wichtige Schutzfaktoren.
Nahaufnahme eines Baumstamms mit sichtbaren Jahresringen im weichen Morgenlicht eines Waldes. Illustration mit AI erstellt.

Das kalendarische Alter stimmt nicht immer mit dem Zustand des Körpers überein. Francesca Lubian, Primaria für Geriatrie beim Südtiroler Sanitätsbetrieb in Bozen, verweist auf den Unterschied zwischen dem chronologischen und dem biologischen Alter.

Läuft der biologische Verfall schneller ab als die Zeitspanne im Pass vorgibt, spricht die Fachwelt von einer beschleunigten biologischen Alterung. Als eine der zentralen Ursachen für diese Entwicklung gilt anhaltender, chronischer Stress.

Treiber der biologischen Alterung und zelluläre Prozesse

Nach Einschätzung von Francesca Lubian tragen neben chronischem Stress diverse weitere Faktoren zu einer vorzeitigen Alterung bei. Dazu zählen das Rauchen, viszerale Adipositas, ein erhöhter Blutzuckerspiegel, Bewegungsmangel, Mangelernährung sowie Umweltverschmutzung, Alkoholkonsum, soziale Einsamkeit und eine mangelhafte Schlafqualität.

Auf zellulärer Ebene spielen sogenannte seneszente Zellen eine Schlüsselrolle: Sie begünstigen eine chronische, unterschwellige Entzündungsalterung, die in der Forschung auch als Inflammaging bekannt ist.

Zwar gilt die epigenetische Reprogrammierung in der Wissenschaft derzeit als vielversprechendes Forschungsfeld, eine einsatzbereite Methode zur echten Verjüngung existiert nach Angaben von Lubian bislang jedoch nicht.

Bei langlebigen Menschen, insbesondere bei Hundertjährigen, lasse sich zudem ein auffallend vielfältiges Mikrobiom nachweisen. Eine gezielte Prävention müsse demnach früh ansetzen und beginne Lubian zufolge bereits während der Schwangerschaft.

Allostatische Last und körperliche Stressreaktionen

Die körperlichen Konsequenzen von Dauerstress sind weitreichend. Auf physiologischer Ebene führt chronische Belastung zur Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse sowie des sympathischen Nervensystems, was vermehrt Hormone wie CRH, ACTH, Cortisol sowie Adrenalin und Noradrenalin freisetzt.

Durch fehlende Erholungsphasen summiert sich dieser Stress zu einer sogenannten allostatischen Last, die das System überfordert. Typische Anzeichen für ein solches überlastetes System sind Schmerzen, anhaltende Müdigkeit und Steifheit.

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Psychosomatische Symptome betreffen unter anderem den Magen-Darm-Trakt über die Bauchhirn-Achse, die Muskulatur, die Haut sowie das Essverhalten in Form von emotionalem Essen.

Dauerstress verstärkt zudem das Schmerzempfinden. Ulrike Kaiser vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck und Christiane Hermann von der Universität Gießen weisen darauf hin, dass insbesondere eine negative, katastrophisierende Bewertung Rückenschmerzen verschärfe und Depressionen das Schmerzempfinden zusätzlich steigern. Nach Angaben der Deutschen Schmerzgesellschaft leiden bis zu 80 Prozent der Patienten mit chronischen Schmerzen zugleich unter Schlafstörungen.

Chronischer Schlafmangel birgt weitere Risiken: Er erhöht die Wahrscheinlichkeit für Erkrankungen wie Parkinson und Alzheimer, da das Gehirn im Schlaf auf das glymphatische System angewiesen ist, um schädliche Ablagerungen abzutransportieren.

Dass die gesellschaftliche Belastung zunimmt, belegen auch Krankenkassendaten: Laut dem Stressreport der Techniker Krankenkasse 2025 ist das allgemeine Stressniveau deutlich gestiegen.

Die Fehlzeiten beliefen sich auf durchschnittlich 22,4 Krankheitstage – was einem Anstieg von fast einer vollen Woche im Vergleich zu 2016 entspricht. Hohe Ansprüche an die eigene Person gelten demnach als stärkster Treiber.

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Schutzfaktoren, Gegenmaßnahmen und mentale Ressourcen

Um der biologischen Alterung und der Erschöpfung entgegenzuwirken, erweisen sich präventive Lebensstilfaktoren als wirkungsvoll. Francesca Lubian hebt hervor, dass körperliche Aktivität in Form von Ausdauer- und Krafttraining der effektivste Hebel sei, ergänzt durch eine mediterrane Ernährungsweise, den Verzicht auf Tabak sowie eine strukturierte Schlafhygiene.

Im Alltag werden zur Stressreduktion zudem einfache Maßnahmen wie zehn bewusste Atemzüge vor dem Aufstehen oder das Führen einer Sorgenliste empfohlen, um zwischen unbeeinflussbaren und aktiv veränderbaren Faktoren zu unterscheiden.

Auch psychologische Ressourcen beeinflussen die körperliche Verfassung maßgeblich. Optimistische Denkmuster, Achtsamkeit und Meditation unterstützen Erholungsprozesse, dämpfen die Ausschüttung von Cortisol und können das Immunsystem stimulieren.

Mentale Ausgeglichenheit fördert Botenstoffe wie Dopamin, Serotonin sowie Endorphine, stärkt Abwehrzellen und moduliert Entzündungsmarker wie das C-reaktive Protein.

Langzeitdaten der bekannten Harvard Study of Adult Development unterstreichen zudem die Schutzwirkung sozialer Faktoren: Stabile und gute Beziehungen erweisen sich demnach als der wesentlichste Baustein für ein langes, gesundes Leben, da soziale Verbundenheit den Stresspegel senkt und die persönliche Resilienz stärkt.

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