Westjordanland: Israel verhängt Lockdown am Wahltag
Veröffentlicht am: 25.10.2026 um 04:16 Uhr | dpa, AD HOC NEWSHebron bleibt bis auf Weiteres gesperrt
- Israels Armee meldet Einsätze in rund 40 Gebieten und an etwa 400 Orten im Westjordanland.
- Rund 40 Verdächtige sollen festgenommen worden sein, darunter Hamas- und Islamischer-Dschihad-Mitglieder.
- Am Dienstag sollen alle Landübergänge zwischen dem Westjordanland und Israel für Palästinenser geschlossen werden.
Israel schließt Westjordanland am Wahltag
Israels Armee wird während der Parlamentswahl am Dienstag einen Lockdown über das besetzte Westjordanland verhängen. Palästinensische Arbeiter dürfen bereits heute und Montag nur noch in begrenzten genehmigten Bereichen israelische Siedlungen und das Jordantal betreten.
Zugangssperren für palästinensische Arbeiter
Ausgenommen sind Industriezonen und eine begrenzte Zahl genehmigter Bereiche. Am Wahltag sollen nach Angaben der Armee alle Landübergänge zwischen dem Westjordanland und Israel für Palästinenser geschlossen werden.
Hintergrund ist der andauernde Militäreinsatz nach einem tödlichen Angriff bewaffneter Palästinenser nahe Hebron am Freitag. Nach Angaben der Armee wurden dabei zwei Soldaten getötet und drei weitere verletzt; die zwei mutmaßlichen Täter aus Hebron seien getötet worden.
Rund 2.000 Menschen aus Hebron vertrieben
Verteidigungsminister Israel Katz bestätigte, dass rund 2.000 Palästinenser aus ihren Häusern in Hebron vertrieben wurden. Sie dürften erst zurückkehren, wenn alle Probleme mit der Hamas in Hebron gelöst seien, sagte Katz dem israelischen Sender Kan.
Der Bürgermeister von Hebron, Jussef al-Dschabari, hatte zuvor von 2.200 Vertriebenen seit Beginn der Razzien am Freitag gesprochen. Die palästinensische Autonomiebehörde forderte die internationale Gemeinschaft zum Eingreifen auf und bezeichnete Vertreibungen, Abrisse und Abriegelungen als Kollektivstrafe.
Armee meldet zahlreiche Einsätze
Israels Armee erklärte, Soldaten hätten gemeinsam mit Grenzpolizei und Geheimdienst Anti-Terror-Einsätze in rund 40 Gebieten und an 400 Orten durchgeführt. Dabei seien rund 40 Verdächtige festgenommen worden, darunter Mitglieder der Hamas und des Islamischen Dschihad.
Das Westjordanland ist seit dem Sechstagekrieg von 1967 von Israel besetzt. Dort leben rund drei Millionen Palästinenser und etwa 700.000 israelische Siedler. Seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 und dem folgenden Gaza-Krieg hat sich die Gewalt in dem Gebiet weiter verschärft.
Proteste gegen Netanjahus Regierung
Der Konflikt mit den Palästinensern ist ein zentrales Thema des Wahlkampfs. Rechte Politiker werben mit einem harten Vorgehen gegen palästinensische Gewalt, während die Gewalt radikaler israelischer Siedler gegen Palästinenser weniger Aufmerksamkeit erhält.
Am Samstagabend demonstrierten in Israel laut Augenzeugen Zehntausende gegen die rechtsgerichtete Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Ehemalige Geiseln und Angehörige von Hinterbliebenen forderten in Tel Aviv eine staatliche Untersuchungskommission zum Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023.
Die Abriegelung fällt in eine Phase, in der sich die Sicherheitslage im Westjordanland seit dem Hamas-Angriff auf Israel vom 7. Oktober 2023 deutlich verschärft hat. Militärische Einsätze, Festnahmen, Angriffe bewaffneter Palästinenser und Gewalt israelischer Siedler prägen die Entwicklung. Hebron ist dabei besonders sensibel, weil die Stadt zwischen palästinensischer Verwaltung und israelischer Militärkontrolle geteilt ist.
Die angekündigten Zugangssperren haben unmittelbare Folgen für palästinensische Beschäftigte, deren Arbeitswege und Einkommen von Genehmigungen und geöffneten Übergängen abhängen. Zugleich betrifft die Maßnahme den Alltag einer Region, in der Bewegungsfreiheit bereits durch Kontrollpunkte, Sperren und unterschiedliche rechtliche Regelungen eingeschränkt ist. Die Vertreibung von rund 2.000 Menschen aus Hebron verschärft die humanitäre und politische Dimension des Einsatzes.
Wahl und Sicherheitslogik
Israel begründet die militärischen Maßnahmen mit dem tödlichen Angriff auf Soldaten nahe Hebron und den danach gemeldeten Anti-Terror-Einsätzen. Der Lockdown am Wahltag folgt zugleich einem bekannten Sicherheitsmuster: Vor Wahlen werden Übergänge geschlossen, um Anschläge zu verhindern. Für die palästinensische Autonomiebehörde steht dagegen der Vorwurf im Raum, die Maßnahmen kämen einer Kollektivstrafe gleich.
Innenpolitisch verbindet sich die Sicherheitsfrage mit dem Wahlkampf. Die Regierung kann auf ein hartes Vorgehen gegen bewaffnete Gruppen verweisen, während Angehörige von Geiseln und Hinterbliebene in Israel eine staatliche Untersuchung zum Hamas-Massaker fordern. Entscheidend bleibt, wie lange die Sperren andauern, wann Vertriebene zurückkehren dürfen und ob die Maßnahmen die Spannungen im Westjordanland weiter verstärken.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
n-tv: „Israel vertreibt 2000 Palästinenser aus Hebron“ (25.10.2026)
Der Beitrag bestätigt die Vertreibung von rund 2.000 Palästinensern und stellt sie in den Zusammenhang mit dem tödlichen Angriff nahe Hebron und dem Wahlkampf von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Einen Schwerpunkt legt er auf die angekündigte Rückkehr erst nach einem Ende des Vorgehens gegen die Hamas in Hebron sowie auf die politische Reaktion der palästinensischen Autonomiebehörde.
Deutschlandfunk: „Nahost - Israelische Armee vertreibt in Hebron Tausende Palästinenser aus ihren Häusern“ (25.10.2026)
Der Deutschlandfunk hebt ebenfalls die Zahl von etwa 2.000 Vertriebenen, den Angriff auf israelische Soldaten und die Forderung der palästinensischen Autonomiebehörde nach internationalem Eingreifen hervor. Anders als der n-tv-Beitrag konzentriert sich die Meldung stärker auf die unmittelbaren Angaben zum Militäreinsatz und den Vorwurf einer Kollektivstrafe.
Beide Beiträge stimmen beim Umfang der Vertreibung und beim Zusammenhang mit dem Angriff in Hebron überein. Unterschiede liegen vor allem in der Gewichtung: Während n-tv den Wahlkampf und mögliche politische Folgen stärker einordnet, rückt der Deutschlandfunk die Reaktionen auf den Militäreinsatz in den Vordergrund.
